Mama kocht Liebe: Jasmin (33) „Mit Gewürzen koche ich mich zurück in meine Kindheit“

386160_10150465420305025_902486044_nJasmins dunkelbraune Augen leuchten, als sie mir die Tür ihrer gemütlich eingerichteten Wohnung in Hamburg-Flottbek öffnet. „Jetzt geht es endlich los, ich habe mich schon den ganzen Tag auf unser Treffen gefreut!“, sagt die halb Deutsche, halb Pakistanerin strahlend. „Schließlich ist Kochen für mich nicht einfach die Zubereitung von Essen. Es ist das Kreieren von Genüssen!“

Deswegen sei ihre Küche für sie auch ein ganz besonderer Ort – „Das Herz der Wohnung.“ Und das sieht man der Einbauküche deutlich an: Bilder und Postkarten von Freunden, ihrem Mann und ihrem 4-jährigen Sohn Noah hängen am Kühlschrank, Kräutertöpfe thronen auf der Fensterbank. Gewürze stehen neben dem Herd, die Zutaten für unser heutiges Essen warten bereits klein geschnitten in Glasschälchen auf ihren Einsatz. Nebenan im Wohnzimmer spielt Noah mit Jasmins Mann, immer wieder höre ich die beiden lachen. Ich fühle mich von Herzen willkommen und sofort wie zuhause.

Heute kocht sie für mich Basmati-Reis mit einem erfrischenden Pfefferminz-Gurke-Dip. Als sie meinen überraschten Gesichtsausdruck sieht, lacht sie. „Wundere dich nicht, mein Reis schmeckt auch pur mit Dip als Hauptgericht. Das ist praktisch, als Mama muss ich ja oft schnell sein, wenn der Kleine Hunger hat. Ansonsten ist der Reis aber auch ein echtes Kombinationswunder!“ Sie bindet sich ihre langen braunen Haare zu einem Zopf zusammen. „Das Besondere an diesem Gericht ist auch, dass es durch die feinen Tricks richtig raffiniert schmeckt! Du wirst schon sehen…!“

Ich bin gespannt- schließlich kenne ich Reis nur als eher weniger raffinierte Beilage.

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Ihrer Kochkunst sei Dank weiß Jasmin sich im Handumdrehen in ihre Kindheit zurück zu kochen

„Mit diesem Gericht koche ich mich zurück in meine Kindheit. Ich erinnere mich an harmonische Nachmittage mit der ganzen Familie, daran, wie wir alle mit knurrenden Mägen darauf gewartet haben, dass Mamas Essen endlich fertig wird. Egal, was sie kochte: Reis landete fast immer auf dem Teller! Es war rückblickend eine so friedliche Zeit, in der das größte Problem ein kaputtes Spielzeug war, oder die Tatsache, dass der nächste Geburtstag noch viel zu lange hin war…“ Ihr Blick schweift ab. „Richtig gut erinnere ich mich daran, wie ich auf einem Stuhl neben dem Herd in unserer engen, schlauchförmigen Küche gesessen und meine Mutter fasziniert beobachtet habe. Selbst mal so kochen zu können, schien für mich unendlich weit weg zu sein.“

Durch das tägliche Zusehen lernte sie nach und nach alle Rezepte auswendig. Aufgeschrieben hat die Anfang 30-Jährige aber nichts. „Alle Rezepte sind in meinem Herzen abgespeichert!“

Während Jasmin Rapsöl für den Reis in einem Topf heiß werden lässt („Außer Sonnenblumenöl würde jedes andere Öl verbrennen!“), verrät sie mir ihren ersten Kniff: „Zu meinem Reis gehören immer gewürfelte Zwiebeln und ganz fein gehackter Ingwer! Der hilft, alles besser zu verdauen. Deswegen sind die ganzen Inder so schlank- sie kochen viel mit Ingwer und Chili.“

Die Zwiebeln werden langsam glasig und Jasmin gibt grobes Garam Marsala hinzu. „Das ist eine Gewürzmischung und die Basis für einen pakistanischen Reis. Hier riech mal!“, sagt sie und hält mir das Döschen hin. Allerhand verschiedene, intensive Düfte strömen in meine Nase. „Da sind Kreuzkümmel, schwarzer Kardamom, Nelken, Koriandersamen und Zimtstangen drin. Garam ist indisch und bedeutet warm. Da geht nichts drüber!“ Sie rührt die Gewürzmischung unter, so dass sich durch die Röstung die ätherischen Öle entfalten können. Die Luft ist von einem exotischen Duft geschwängert. So einen bunten Gewürzstrauß habe ich bei der Reiszubereitung noch nie gerochen! Kein Wunder- bei Jasmin heißt ‚Reis kochen’ eben nicht, einfach einen Reisbeutel in kochendes Wasser zu geben und 10 Minuten lang zu warten.

„Und weil das Auge ja bekanntlich mit isst, kommen jetzt noch grüne und rote Paprikarauten dazu! Die Optik ist in unserer Kultur ganz wichtig.“

Dann kippt sie den Reis in den Topf, schaltet den Herd auf höchste Stufe. Eine Dampfwolke steigt auf, es zischt. Jasmin erklärt mir genau, worauf es jetzt ankommt: Immer eine Tasse weniger Wasser zu nehmen als Reis. „Wir geben lieber später noch etwas hinzu. Das ist besser, als das Wasser abzuschöpfen. Wir lassen jetzt ein Mal alles aufkochen und dann schalten wir die Herdplatte auf die niedrigste Stufe. Darin liegt das Geheimnis!“ Doch damit nicht genug:

2 Messerspitzen Safran landen ebenfalls im bunten Reis. Anschließend wird alles gesalzen. „Und da wir ja den Reis dämpfen wollen, ich aber keinen Dampfgartopf besitze, kommt hier der nächste Trick!“, kündigt Jasmin feierlich und sichtlich in ihrem Element an: „Wir umwickeln den Deckel des Topfes einfach mit einem frischen Geschirrhandtuch. Und schon haben wir den gleichen Effekt.“

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Voller Lebensfreude: Jasmins Sohn Noah (4)

Bevor sie den Reis köcheln lässt, gibt sie eine extra Portion Kreuzkümmel hinzu. „ Bei dem Duft von Kreuzkümmel muss ich immer an meine Oma denken. Da sie in Pakistan gelebt hat, habe ich sie zwar nicht oft gesehen, allerdings erinnere ich mich noch ganz genau daran, dass ihre Hände immer nach Kreuzkümmel geduftet haben.“

Mittlerweile ist das Wasser fast verdampft. Jasmin fügt Butter hinzu und streut Kurkuma auf das Stück, damit sich das Gewürz mit dem Fett verbindet. Anschließend kippt sie ein bisschen Wasser nach und lässt den Reis ruhen. Ich werfe einen vorerst letzten Blick in den Topf und kann mich nicht erinnern, schon mal einen so bunten Reis gesehen zu haben. (15 Minuten später frage ich mich, wie ich diese klassische Sättigungsbeilage bisher derart unterschätzen konnte. Der Reis schmeckt frisch und intensiv, exotisch, aber nicht überladen. Vollkommen in sich abgerundet.)

Während Jasmin für den Dip eine halbe Gurke mit Salz, Zitronensaft, frischer Minze und Naturjoghurt vermischt, kommt Noah in die Küche, weil er mir etwas zeigen will. Er hat ihre großen braunen Augen, redet mindestens genauso gerne wie sie und hält mir die aufgeschlagene Seite eines Spielzeugkataloges vor die Nase. „Diese Kinderküche wünsche ich mir!“ Jasmin schmunzelt. „Noah ist genauso gerne in der Küche wie ich. Er hilft mir auch schon. Das wird noch zu einer echten Tradition.“, lacht sie, als ihr Ehemann hereinkommt und mit Noah zurück ins Wohnzimmer geht. „Neulich hat ihn der Busfahrer gefragt, ob er denn auch Busfahrer werden wolle, wenn er groß ist.“ Sie nimmt den Topf Reis vom Herd und sieht mich stolz an, ihre braunen Augen leuchten: „Und da hat mein kleiner Noah gesagt: ‚Nein, wenn ich groß bin, werde ich Koch!’“

 

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