Maren (47): „Kräuter sind meine Freunde!“

Muna, Marens 10-jährige Tochter öffnet mir neugierig die Tür zu dem Einfamilienhaus, das am Rande Schleswig Holsteins in Appen steht. Zusammen gehen wir in die helle Küche (durch die Dachfenster fallen gerade ein paar vereinzelte Sonnenstrahlen an diesem verregneten Frühlingstag), wo mich ihre Mutter Maren herzlich begrüßt. Sie trägt ein pinkfarbenes T-Shirt, braune Haare fallen ihr über die Schultern. Wir kennen uns von einer Reportage, die ich vor 2 Jahren über sie gemacht habe. Aus dem Kopf gegangen ist sie mir seitdem nie, obwohl wir den Kontakt nicht gehalten haben. Während ich eines Tages durch Eimsbüttel schlenderte und mein Blick auf ein Kräuterregal in einem Einrichtungsladen fiel, sah ich sie regelrecht vor meinem inneren Auge. Denn Maren ist DIE Kräuterexpertin schlechthin. Einst war sie in den Medien tätig, suchte vor 10 Jahren einen Ausweg und fand ihre Erfüllung als Shiatsu-Therapeutin, als Heilpraktikerin und in der Pflanzenheilkunde. Dadurch wurde ihre Liebe zu Kräutern neu entfacht und diese Liebesbeziehung hat sie seitdem nicht mehr losgelassen.

Die Kräuter sind ihre Geschichte, ihr Leben.

IMG_2789
Ein großer Esstisch voller Kräuter lässt mich Staunen

Mittlerweile kennt sie sich so gut aus, hat so viele Seminare besucht, dass sie selber Vorträge hält, verschiedene Seminare gibt, ja sogar Kräuterfachfrauen- und Männern ausbildet und seit 8 Jahren ihre eigene Praxis hat. Kein Wunder, dass ich mich auf den versprochenen Wildkräutersalat besonders freue- auch wenn ich noch nicht genau weiß, was ich mir darunter genau vorstellen soll.

„Ich habe auch schon ein bisschen was vorbereitet!“, sagt die 47-Jährige, ihre braunen Augen leuchten mich fröhlich an. Mir fällt auf, wie jung sie aussieht, wie vital und strahlend. Neugierig folge ich ihr in den Wintergarten. Ein ganzer Tisch voller verschiedener Kräuter offenbart sich. Kräuter, die Maren heute Morgen erst gepflückt hat und die jetzt (aufgrund des ständigen Regens) ein bisschen trocknen dürfen. Unter anderem liegen auf der bordeaux-rot-gemusterten Tischdecke

  • Vogelmiere: „Die ist voller Vitalstoffe, schmeckt richtig frisch und nach Erbse.“, erklärt Maren enthusiastisch. Kichernd probiere ich sie und kann es kaum glauben! Es schmeckt tatsächlich nach Erbse!
  • Spitzwegerich: „Der ist immer im Hustensaft, weil er schleimlösend wirkt, klein gehackt schmeckt er pilzig,“
  •  Gundermann: „Der ist voller ätherischer Öle, riecht und schmeckt sehr intensiv, so wie Thymian, deswegen nehmen wir davon nur ein bisschen.“
  • Linde. „Linde?!“ Deutlich erkenne ich die Blätter des Baumes, der vor meinem Fenster steht und im Sommer für einen klebrigen Film auf den unter ihr parkenden Autos sorgt. Maren strahlt mich an. „Ja! Um den Stamm herum sind immer Blätter und die kann man wunderbar essen. Die sind super für Salat!“ Ich probiere skeptisch und bin begeistert von der Frische und dem in sich abgerundeten Nachgeschmack
  • Löwenzahn: „Der hat viele Bitterstoffe, wirkt entgiftend.“ Und ich dachte immer, der wäre giftig.
  • Knoblauchsrauke (riecht sehr intensiv nach Knoblauch mit Rasen! Love it!)
  • Brennnessel, die nicht mehr brennt, wenn man sie ins Wasser legt („Dann legen sich die Stacheln hin und stechen nicht mehr.“)
  • Taubnessel, deren Blüten so teuer wie Gold sind, wie mir Maren erzählt. „Man nennt sie auch ‚Zurzelblume’, weil man ihren Nektar raussaugen kann.“ Und auch hier zeigt es sich, wie schön es ist, Neues zu probieren: Ich zurzele den Nektar; er schmeckt süß und blumig.
  • Giersch „Hier haben wir Girsch. Gärtner beschimpfen ihn als Unkraut. Doch statt ihn einfach rauszureißen, sollte man ihn lieber essen! Der ist nämlich auch noch gesund.“ Und daraus machen wir einen kompletten Salat? I

Ich kann es gar nicht glauben, dass so viel Köstliches in naher Umgebung wächst! Da kenne ich –Supermarkt sei Dank- die exotischsten Früchte (die wegen des langen Transportweges selten nicht wässrig und lahm schmecken) und weiß nicht, welch intensiv schmeckende Pflanzen vor meiner eigenen Haustür wachsen. Zum großen Teil kommen diese Kräuter aus ihrem eigenen Kräutergarten, der so gepflegt aussieht, als würde Maren täglich Stunden darin arbeiten. Als ich sie frage, wie viel Zeit sie tatsächlich mit der Kräuterpflege verbringt, schmunzelt sie. „Ich mache da fast gar nichts. Ich lasse die Kräuter einfach wachsen wie es ihnen gefällt. Deswegen pflanze ich zum Beispiel keine Rosen an, die muss man ständig pflegen und beschneiden. Ich mag es, wenn es so wächst wie es will.“

Ich weiß nicht, zum wievielten Male Maren mich heute schon überrascht… Ich fühle mich wie ein Kind, dass die Welt neu entdeckt. Wie ein Analphabet der Schreiben lernt und begeistert feststellt, dass man aus Buchstaben ganze Geschichten formen kann. Maren nimmt mich mit in ihre Welt und mir begegnen lauter neue Eindrücke.

Die Kräuter sind nicht nur Kräuter für Maren, es sind ihre Freunde. Lebewesen mit einer Seele deren Eigenschaften uns unterstützen können. „Wenn wir zum Beispiel Antrieb brauchen, ist Rosmarin super, der ist so feurig. Bei Prüfungsangst am Besten Melissentee trinken oder Zitronenmelisse mit in den Salat mischen. Es gibt unglaublich viele Möglichkeiten.“ Dank ihres täglichen Kräuterkonsums fühlt sie sich besser, gesünder, ist seltener krank. „Eine Handvoll Wildkräuter deckt den gesamten Tagesbedarf an Vitaminen. Da braucht man keine Pillen mehr zu nehmen.“ Daher kommt also ihre tolle Haut, die innere Freude tut ihr übriges.

IMG_2800
Schlau, hübsch, liebenswert und schon jetzt eine echte Kräuterexpertin: Muna (10)

Nicht nur wegen Munas knurrendem Magen fangen wir an, den Salat zuzubereiten. Dem fröhlichen Mädchen mit den langen dunkelblonden Haren bedeutet es viel, mit ihrer Mutter zusammen zu kochen. Schließlich ist sie mit der Pflanzenkunde groß geworden. „Außerdem finde ich es schön, das zu essen, was ich selber pflücke.“, sagt sie schüchtern und lächelt. Maren schneidet unterdessen scheinbar konzentriert Paprika klein, als ich ihr eine Frage stelle. Sie antwortet, doch schon nach einigen Sekunden legt sie das Messer hin, ihre Hand ruht auf der Küchenbar. Sie hält kurz inne und lacht: „Du hast dir während des Kochens echt eine schlechte Gesprächspartnerin ausgesucht! Egal, ob beim Autofahren, Fernsehen, oh Gott, beim Fernsehen kann ich mich stundenlang unterhalten, ich bin so multitaskingfähig…! Aber beim Kochen kann ich nicht reden. Das ist für mich wie für andere eine Meditation. Während ich koche, kann ich nicht reden.“

Also schweigen wir. Später erzählt sie mir, dass die Pflanzenheilkunde und insbesondere die Kräuter sie haben achtsam werden lassen. Sagt, dass sie während sie zum Beispiel Kartoffeln schält, den Menschen dankt, die sie gepflückt und verpackt haben und dass diese Achtsamkeit die Liebe ins Essen bringt. „Die Achtsamkeit habe ich dann auch für andere Bereiche in meinem Leben entwickelt. Als ich dann das erste Mal eine Kassiererin mit ihrem Namen angesprochen hat, war die ganz erschrocken und verwundert, weil das anscheinend trotz ihres Namensschildes nicht besonders oft vorkommt.“

Muna hackt die Kräuter und die ätherischen Öle scheinen aus ihnen empor zu steigen, wie Rauch aus einem Räucherstäbchen. Ich bin verzückt von Maren und Muna, diesem harmonischen Team, das so fröhliche Ruhe ausstrahlt und sich derart kompetent über Kräuter unterhält, dass ich nur staunend daneben stehe.

IMG_2794
Dreamteam

Zu den Kräutern gesellen sich eine Gurke, eine Karotte, Lollo Rosso, Feldsalat, ein paar gekochte Kartoffeln, gewürfelte Paprika, geröstete Kürbis- Sonnenblumen- und Pinienkerne, Tomaten. Als Dressing nehmen wir ein bisschen Sesamöl, Sojasauce und Gromasio (neben den Kräutern DIE Entdeckung des Tages: Gerösteter und gemahlener Sesam mit Meersalz! Ich habe mir gleich am nächsten Tag einen Topf im Reformhaus gekauft , meiner Schwester damit einen Salat gemacht und ihr anschließend das Gomasio geschenkt, weil sie auch so hin und weg davon war).

Während Maren liebevoll den Salat vermengt, deckt Muna den Tisch. Und dann ist es endlich soweit: Ich esse diesen knackigen, fein würzigen Salat. Während ich esse, überlege ich, wie ich diesen Geschmack beschreiben könnte, doch, obwohl ich wirklich viel Salat esse, habe ich noch nie etwas Vergleichbares gekostet: Es ist, als ob in dem Salat unheimlich viel Power stecken würde, nicht so wie in Nudeln, die beschweren, viel mehr empfinde ich die Wildkräuter als Kraft und Leichtigkeit zugleich. Es ist, als ob ich sprühendes Leben essen würde, Vitalität.

Und das so pur und intensiv, in sich so würzig, knackig und stimmig, dass es sich anfühlt, wie der erste kitzelnde Sommerregen auf der Haut. Intensiv und leicht zugleich. Der Geschmack spricht die feinen Sinne an, hier ist nichts überladen. Das hat mit den (wie Maren sie nennt) „schlafenden Kräutern“ aus den Döschen im Supermarkt nicht viel gemein. Nein, es hat GAR NICHTS damit gemein. Zugleich ist der Salat auch ein echtes Fest für die Augen: so bunt wie eine Frühlingswiese und auch ähnlich wohlduftend. Kurz: Ein Fest für die Augen, den Gaumen und… das Herz.

Mehr Infos zu Marxens Kräutermagie findet ihr hier:

http://www.kraeutermagie.com

IMG_2816

IMG_2820

IMG_2815

Kommentar verfassen