Mama kocht Liebe: Echter Selterskuchen von Oma Bieding

Der Geschmack mancher Gerichte trägt so viele Erinnerungen mit sich, das sie sofort Erinnerungen hervorrufen. Bei Johanna, Mutter einer 1 ½-jährigen Tochter, ist so ein Gericht der Selterskuchen von Oma Bieding, der dank kohlensäurehaltigen Wassers so schön locker und fluffig wird. Johanna, die von ihren Freunden eigentlich nur Jojo genannt wird, und ich setzen uns an diesem warmen Frühlingstag unter einen türkisfarbenen Sonnenschirm auf ihrem Balkon, und trinken Wasser aus einer pinkfarbenen Karaffe, in der frische Apfelscheibchen schwimmen.

„Leider ist meine Omi letzten Dezember gestorben. Sie hat so eine große Lücke hinterlassen…“, erzählt sie mir und ihr Blick schweift kurz ab. „Als ich mir das Rezept wieder durchgelesen habe, sind mir die Tränen in die Augen gestiegen. Meine Oma war so eine tolle Frau!“ Der Kuchen begleitet sie seit ihrer Kindheit, erinnert sie an fröhliche Nachmittage, mit frischem Kuchenduft in der Luft, wenn die Sonne strahlte, die leichte Sommerbrise ihren ganz eigenen Tanz mit den Enden der Tischdecke zur Musik der rauschenden Blätter tanzte.

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Jojo, Lilli & die Star Wars-Schürze

Herzlich war ihre Omi, warm, voller Liebe, mit typischen Omi-Händen und einem ansteckenden Lachen. „Das Schöne war, dass wir immer spontan aus Hamburg zu ihr in die Heide nach Mecklenburg Vorpommern kommen konnten. Auch als wir erwachsen waren, mussten wir uns nie anmelden.“, erinnert sich sie sich. Die Traurigkeit über den Verlust dieses geliebten Menschen birgt so viel vorangegangene Freude, an der sie mich heute meistens lachend teilhaben lässt. „Und die erste Frage wenn wir ankamen war immer:“ (Jojo macht große Augen und guckt mich nickend an) „‚Möchtet ihr was essen?’“ Natürlich wollten sie immer was essen. Nach der Autofahrt waren sie schließlich hungrig. Gerade weil es dann immer frischgebackenen Selterskuchen mit bunten Streuseln gab, die von einer dünnen Schicht Zitronenzuckerguss festgehalten wurden. An Pfingsten kam oft die ganze Familie zu Besuch. „Meine Oma hat es geliebt, Menschen um sich zu haben! Jeder war herzlich Willkommen und wurde mit offenen Armen empfangen. Von diesem Schlag Mensch gibt es wirklich nicht viele.“ Ihre großen blauen Augen leuchten. „Nachts durften wir Kinder draußen zelten.“ Sie macht eine kurze Pause, als ob sie alles in diesem Moment genau vor sich sieht. Lachend fügt sie hinzu: „Die größeren Kinder haben drinnen geschlafen und wir draußen. Und die Männer die geschnarcht haben.“ Manchmal lag sie auch bei ihrer Omi im Bett. Dann kuschelten sich beide unter die warme Decke und auf Jojos Wunsch erzählte sie ihr die tollsten Geschichten von früher.

Diese wertvollen Erinnerungen verbindet Jojo immer mit dem Selterskuchen. Weil er immer auf dem Tisch stand. „Ob bei brütender Hitze oder auch an regnerischen Tagen – gefühlt haben wir immer draußen auf der Veranda gesessen, Kaffee getrunken und Selterskuchen gegessen.“

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The one & only Selterskuchen
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Mina kann es kaum erwarten, dass ich endlich den Kuchen fertig abfotografiert habe…

Wir sind in Johannas schmaler Küche, in der es so viel zu entdecken gibt. Liebe zu coolen Details gehört bei Jojo und ihrem Mann einfach dazu. (Sie trägt mittlerweile zum Beispiel seine ausgewaschene Star Wars-Schürze, in der ihr bestimmt schon die leckersten Gerichte gekocht hat. Und eine Silberkette mit Ankeranhänger um die ich sehr freundlich beneide) Die Balkontür zum Hinterhof ist weit geöffnet, lässt die Sonne, Vogelgezwitscher und Wärme zu uns. Jojo schlägt Bio-Eier auf, vermengt sie mit Öl, Backpulver, Mehl, Zucker. „Meine Oma hat immer gesagt: Johanna, wenn es mal schnell gehen muss – so ein Selterskuchen ist in null Komma nichts fertig! Und die Zutaten hat man immer im Haus!“ An diesem schönen Frühlingsnachmittag fehlen uns lediglich die bunten Streusel, die benachbarte Eisdiele hilft aus. „Ein Selterskuchen ohne bunte Streusel ist auch einfach nicht das Selbe!“, lacht Johanna und ihre blauen Augen funkeln. „Meine Oma war immer so glücklich darüber, wenn sie gesehen hat, wie sehr wir uns über diesen Kuchen gefreut haben, weil wir den so mochten.“ Sie hält kurz inne und strahlt mich an: „ Der ist aber auch so lecker! Man macht ein ganzes Blech und das reicht für… naja, vier Personen, weil der einfach so lecker ist!“

Die rote Kitchen-Aid verrührt netterweise die Zutaten, Jojo füllt die Masse auf ein Blech. Nach 25 Minuten ist der Kuchen fertig, verbreitet diesen heimeligen Duft in der Küche, während er mit Zuckerguss und bunten Streuseln abgerundet wird.

Nach den ganzen Lobesliedern darf ich endlich probieren! (Insgesamt werden 3 Stücke draus. Johanna packt mir netterweise auch noch 3 Stücke ein, die auch nur bis zum nächsten Tag überleben werden) Und was soll ich sagen? Der Selterskuchen ist locker und leicht, trotzdem mit Biss. Der dünne Zitronenzuckerguss tut sein übriges, die bunten Streusel knacken zwischen den Zähnen… Es ist ein herrlich bodenständiger Kuchen, ohne viel Gedöns und Schnick Schnack. Er ist pur und ehrlich.

Wahrscheinlich so wie die Liebe von Oma Bieding.

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Johannas Omi mit ihrer Urenkelin Mina

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