Mama kocht Liebe: Rashida (67) „Dank meiner indischen Kochkunst gewann ich das Herz meiner deutschen Schwiegermutter!“

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Lebensfreude pur: Rashida mit ihrem Enkel Noah

Überall in Rashidas gemütlicher Wohnung über den Dächern von Hamburg stehen Töpfe mit Setzlingen. „Die habe ich selbst gezüchtet!“, erzählt die 64-jährige Pakistanerin mir stolz mit ihrem charmanten Akzent und schenkt ihren Zöglingen einen liebevollen Blick. „Hätte ich das gewusst, hätte ich dir auch eine mitgebracht!“, sage ich. Sie legt ihre warme Hand auf meinen Arm: „Ach was, du bist doch selber eine Blume.“ Diese Aussage beschreibt Rashida nahezu perfekt. Die zierliche Frau mit dem fröhlichen Gesicht, der dezenten Brille und den strahlend weißen Zähnen lobt viel, schätzt das Leben von ganzem Herzen und liebt es, Gäste zu verwöhnen. „Wenn ein Gast zu uns kommt, wird ihm immer zuerst was zu trinken gegeben. Und ein Platz im Herzen. Und natürlich auch einer zum Sitzen!“, lacht sie augenzwinkernd.

Die zweifache Mutter war 20, als sie zum ersten Mal deutschen Boden betrat. „Ich erinnere mich daran, wie begeistert ich von der Weihnachtsbeleuchtung war- und wie sehr mich der freizügige Kleidungsstil der Frauen schockiert hat!“ Feine Lachfältchen schmücken ihre braunen Augen wie Sonnenstrahlen. Sie schaffte den Spagat, sich der deutschen Kultur anzupassen und ihrer eigenen dennoch treu zu bleiben.

Besonders gerne lebt sie ihre Kultur in der Küche aus. Und das, obwohl sie zu Weihnachten am liebsten Gans mit Rotkohl und Klößen kocht. „Pratas mache ich besonders gerne! Das isst man bei uns zu jedem Essen! Fast so, wie die Deutschen Kartoffeln.“ Das indische Brot, das aus Mehl, Öl und Wasser hergestellt und in viel Fett gebraten wird, gewinnt den köstlichen Geschmack durch eine spezielle Knet-Technik, die dem Koch viel Geschick abverlangt. „Als 5-Jährige habe ich das schon geübt. Aber nicht mit echtem Teig, der war viel zu teuer.“ Stattdessen nahm sie Lehm und Wasser, übte Tag für Tag, spielte, sie sei eine Bäckerin und formte fleißig Lehm-Pratas für ihre Puppen.

Fast zwei Jahrzehnte später, um genau zu sein: 1973, lernte Rashida in Hamburg einen blonden Deutschen kennen. Im Sturm eroberte sie sein Herz, die beiden trafen sich regelmäßig, zogen zusammen in eine kleine Wohnung. Doch es lief nicht gleich so reibungslos, wie man vermuten könnte: „Meine Schwiegermutter war gegen unsere Beziehung. Dabei kannte sie mich gar nicht. Sie war der Meinung, dass ihr Sohn lieber mit einer Deutschen zusammen sein sollte. Ihr Bild von mir war überzogen mit Klischees, Vorurteilen, Abneigung.“

Da Rashida ihren Verlobten aber heiraten wollte und ihn von ganzem Herzen liebte, lud sie seine Familie zum Essen ein. „Seine Mutter war zunächst skeptisch, schließlich dachte sie, alle Ausländer seien schmutzig.“ Rashida schmunzelt: „Als sie in die Wohnung kam, war sie ganz überrascht. Alles war sauber und ordentlich. Gar nicht so, wie sie es sich in ihrer blühenden Fantasie ausgemalt hatte.“

Rashida hatte die Wohnung blitzeblank geputzt und den Nachmittag in der Küche verbracht. „Essen ist ein ganz wichtiger Bestandteil in meinem Leben. Es hat eine familiäre Bedeutung. Meine Kinder sind längst erwachsen, ich bin sogar schon Oma, trotzdem verwöhne ich sie noch regelmäßig!“

Sie kochte Dal mit sanftem Basmati-Reis, buk weiche Pratas, briet Hähnchen in Ingwer und Chili an, reichte knackigen Salat dazu. Zum Nachtisch rührte sie geröstetes Halva an.

Genau diese beiden Gänge kocht Rashida jetzt für mich. Die kleine Frau wirbelt durch die Küche, bereitet mit Freude alles zu und erklärt mir ganz genau, worauf es ankommt. „Bei den Pratas muss man genau darauf achten, wie das Verhältnis von Mehl und Wasser ist. Auf 3 Tassen Mehl kommen ungefähr eine bis eineinhalb Tassen Wasser. Aber das kippt man nicht einfach zusammen. Nach und nach kippt man das Wasser zum Mehl, immer wieder wird der Teig geknetet, bis eine glatte, durchfeuchtete Masse entstanden ist.“ Sie zupft ein ungefähr pflaumengroßes Stück von dem Teig ab. „Dann nimmt man ein bisschen von dem Teig, begießt es mit ein wenig Öl, wendet es in Mehl und wirft ihn dann zwischen den Handflächen hin und her, bis ein kleiner Fladen entsteht. Man kann ihn auch einfach ausrollen, aber das mache ich nicht.“, verrät sie, während sie die Hälfte des Fladens um 180 Grad dreht und wieder auf das andere Stück drückt. Das wiederholt sie ungefähr 5 Mal, bis aus dem Wasser-Mehl-Gemisch ein blätterteigähnlicher Fladen in der Größe einer Untertasse entstanden ist. Der Prata wird in heißer

Margarine beidseitig angebraten. Ein Gedicht!!!

Und erst das Halva! Rashida röstet den Grieß zunächst trocken auf niedrigster Stufe an, in der Küche breitet sich ein herrlicher Duft aus. „Es ist ganz wichtig, dass der Grieß ständig umgerührt wird, das macht ihn so zart.“ Nach und nach fügt sie gehobelte Mandeln, Margarine und Zucker hinzu, rührt alles so lange um, bis es sich zu einer hellbraunen, nach gebrannten Mandeln riechenden Masse verbunden hat. Entstanden ist ein süßes, buttrig weiches Dessert, das auf der Zunge zergeht und so trotz seiner Mächtigkeit ganz leicht schmeckt. Ich esse von allem jeweils 2 Portionen und bin glückselig.

Und wie ging es mit der Schwiegermutter weiter?

Die gute Frau war bereits verzückt, als sie die Wohnung betrat. Wahrnahm, wie sauber und ordentlich alles war, mit wieviel Liebe sogar der Tisch gedeckt wurde… Der Funke sprang endgültig über, als sie das erste Mal das weiche Prata-Brot in cremiges Dal tunkte, die exotischen Gewürze ihren Gaumen kitzeln ließ. Während sie den süßen Gries-Nachtisch aßen und heißen schwarzen Tee mit Milch tranken, sagte sie zu Rashida. „Du bist genau die Richtige für meinen Sohn! Jochen, lass diese Frau nicht mehr gehen!“ Und das tat er. Über 30 Jahre lang waren die beiden ein glückliches Paar, bis er für immer einschlief.

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2 Replies to “Mama kocht Liebe: Rashida (67) „Dank meiner indischen Kochkunst gewann ich das Herz meiner deutschen Schwiegermutter!“”

  1. Mit allergrößtem Vergnügen habe ich Ihren Appetit machenden, Sympathie erweckenden
    und mit aller Darstellungskunst angerichteten Bericht aus Rashidas pakistanischen Zauberküche
    gelesen: ein Gedicht! Ich danke Ihnen für dieses Kabinettsstück kulinarischer Literatur und
    hoffe auf weitere Kochkunstwerke aus Ihrer Feder! Peter Schütt

    1. Wow.. Lieber Herr Schürt, Ihre warmen und herzlichen Worte lassen mein kreatives Herz tanzen! Ganz vielen herzlichen Dank dafür!!! Liebe Grüße aus Eimsbüttel von Linn
      PS: Jaaaa, da kommen noch ganz viele Kochkunstwerke (tolles Wort! Das wird sofort wieder öfter in meinem Wortschatz auftauchen) aus meiner Feder. Bin ja gerade mal seit 4 Wochen online 😉

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