Tschüss, gute Vorsätze!

Ja, du darfst anecken. Du darfst unbequem sein, deinen eigenen Weg gehen. Und du darfst den gesellschaftlichen Druck (und die ewig gleichen guten Vorsätze) über Bord werfen:

Es ist der zweite Januar 2018. Der Kater der Silvesternacht hat sich langsam verabschiedet, das neue Jahr liegt noch jungfräulich vor uns. Die guten Vorsätze scheinen dieses Jahr endlich wahr werden zu können: mehr Sport, gesünder essen, abnehmen mit dem Rauchen aufhören. Die Klassiker. Die Werbung ist voll davon, diese Bedürfnisse zu triggern und zwar unrealistische, aber doch so verlockende Versprechen abzugeben. Der selbe öde Kreislauf wie jedes Jahr. Dabei muss das gar nicht sein. Es ist an der Zeit, endlich mal die guten Vorsätze und den unnötigen Druck über Bord zu werfen, und endlich die Person zu sein, die wir schon immer sein wollten. Auch wenn wir anecken und nicht jedem passen. Das Leben ist jetzt und viel zu kurz für irgendwann.

gute Vorsätze
Wenn jemand weiß, wie man für sich einsteht, dann Berti. Dezember 2017

Und während ich, bevor ich diesen Post schreiben will, mit meinem zweiten Kaffee in der Hand auf Instagram versacke, stoße ich zufällig auf einen Account. Kimspiriert. „Cancerfighter and Optimist from Hamburg” steht in der Beschreibung. Und das letzte Posting erzählt, dass sie vergangene Nacht gestorben ist.

Mit tiefer Trauer müssen wir, die Freunde und Familie von Kim, euch lieben Menschen da draußen mitteilen, dass sie den schweren Kampf gegen den Krebs heute Nacht verloren hat. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie sanft eingeschlafen ist, hat sie wie die Löwin gekämpft, die sie im Leben war. Wir danken euch für die Liebe und Anteilnahme, die ihr unserer Kim in dieser schweren Zeit habt zukommen lassen. Sie hat ihre „lieben Instis“, wie sie #kimscrew immer nannte, wirklich geliebt und ihr Profil hier auf Instagram, soll auf Wunsch von uns allen, als Denkmal und Mahnung erhalten bleiben. Als Denkmal, weil unsere Kim das Leben liebte und jeder in ihrem nahen Umfeld fühlte dies mit jedem ihrer Atemzüge. Die Mahnung soll dafür stehen, die eigene Gesundheit nicht als etwas selbstverständliches zu betrachten, diese wertzuschätzen und zu pflegen. Wenn ihr den Drang haben solltet, etwas tun zu wollen, bitten wir im Sinne von Kim um eine Spende für das Katharinen Hospiz am Park in Flensburg. In ihren letzten Tagen standen diese Menschen der Familie, Freunde und vor allem Kim so gut es ging beiseite und gaben uns so die Möglichkeit, sie in Würde zu verabschieden. Das Spendenkonto dafür lautet IBAN DE24 2175 0000 0000 0563 40 Kim war als Tochter, Freundin und Lebensgefährtin für uns alle eine enorme Bereicherung in unserem Leben und ihr tot reißt ein tiefes Loch in unser aller Herzen

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Ich gucke mir ihren Account an, lese ihre Texte und werde unglaublich traurig und demütig. Insbesondere bei diesem Foto:

Ein Foto was eigentlich (zumindest optisch) überhaupt nicht in meinen Feed passt. Finden manche sicher oberflächlich, ich aber nicht #ichstehenunmalaufästhetik Trotzdem möchte ich es posten. Links seht ihr eine sportliche und vor allem glückliche Kim. Es war das letzte Fitness Foto im Dezember 2016 vor meiner Diagnose. Heute, fast ein Jahr später, seht ihr eine andere Kim. Eine nicht mehr ganz so fitte und schlanke Frau, mit #afterchemohair, einer Brust und nicht sonderlich strahlend… man könnte sagen, vom Leben gezeichnet. Das letzte Jahr war eine absolute Berg und Talfahrt. Ihr wisst was bei uns alles abging, ich denke das muss ich nicht nochmal erzählen, denn ihr ward die ganze Zeit dabei. Und genau das ist es, was ich mit diesem etwas anderem #beforeandafter sagen möchte. Ich bereue es keine Sekunde mich dafür entschieden zu haben, meine Geschichte öffentlich zu machen und so einen großen Eimer Realität, in diese oftmals perfekte Scheinwelt der sozialen Medien zu schütten. Durch euer Feedback zeigt ihr mir täglich wie sehr euch meine Geschichte berührt und dass ich vielen von euch mit meiner Offenheit wirklich helfe und Mut zuspreche. Dafür möchte ich mich auch hier nochmal bedanken – denn nur deshalb traue ich mich überhaupt euch meine etwas andere #vorhernachhertransformation zu zeigen und mich nicht hinter meinem aktuellen Aussehen zu verstecken. Denn das brauche ich nicht! Ich kämpfe! Seit fast genau einem Jahr kämpfe ich jeden einzelnen Tag um mein Leben! Ich, nein wir (Chris, meine Freunde und und Familie), haben so so stark zusammengehalten um dieser verdammten Zecke den Gar auszumachen, koste es was es wolle… Erst vor ein paar Stunden bin ich von einem erneuten Krankenhausaufenthalt heim gekommen Und dann war diese nervige Herzsache bitte das letzte was in 2017 passiert ist. Wir möchten einfach unsere Ruhe und ab 2018 wieder ein einigermaßen „normales“ Leben führen. In den Urlaub fahren, Zweisamkeit genießen und einfach das Leben leben! Aber bis dahin nehme ich die Herausforderung des Schicksals gern weiter an und kämpfe wie eine Irre – um irgendwann wieder wirklich glücklich zu sein und von Innen heraus zu strahlen! #fckcancer

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Es ist dieser Kontrast zwischen diesem klassischen workout-Selfie und dem, was ein Jahr später alles passiert ist. Das Leben, ihr Schicksal, der Kampf gegen den Krebs.

Ich finde keine Worte dafür und ihr Postings berühren mich zutiefst. Denn Kims 2017 ist genau das Gegenteil von meinem letzten Jahr. Sie hat sich dafür entschieden, mit ihrem Account ein Fenster in eine ganz andere Welt zu öffnen. Eine Welt, in der es ein Luxus ist, schmerzfrei zu sein, mal eben das machen zu können, was man wirklich machen will und sei es nur in den Urlaub zu fahren.

Nach zwei eher so semi tollen Tagen (Hallo Sofa und Netflix, Ciao Café trinken und Spazierengehen) weil wegen akuter Schlappheit, Müdigkeit und so (die Insta Story Community und ich tippen mittlerweile wieder auf starken Eisenmangel), kommen wir jetzt zum schönen Part des Abends Auf eure Abstimmung hin, kommen @luderchris und ich um 20.30 (also quasi jetzt) LIVE, um unsere neueste @foodistbox Bestellung gemeinsam mit euch zu „unboxen“ und abzuchecken Wer kimspiriert werden will (wie sehr ich meinen Nickname hier liebe), darf gern einschalten und vielleicht holen wir sogar noch jemanden von euch dazu! Das geht ja jetzt dank dem coolen Update! Wer will, wer will, wer hat noch nicht?! Edit: der LS ist vorbei – ich hab ihn aber gespeichert! Danke für SO viele Zuschauer ♥ #wennmankuscheltrepariertmansichgegenseitig #loveyou #lieblingsbeschäftigung #fckcancer #löwenfamilie

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Ich habe sehr intensiv überlegt, ob ich diesen Denkanstoß veröffentliche. Es liest sich schnell so reißerisch und nach Effekthascherei. Doch mir geht es nicht um Klicks, mir geht es um eine ganz simple Botschaft:

Du bist viel mehr als ein (von der Werbung angepriesener) Knackarsch oder „endlich schlank“.
Du darfst du selbst sein und mögest du damit auch noch so sehr anecken.
Du darfst anfangen, dich selbst zu lieben und es darf Tage geben, an denen es dir überhaupt nicht gelingt und du dich einfach nur zum Kotzen findest.
Du darfst so lieb zu dir sein, wie zu deinem Lieblingsmenschen.
Du darfst geduldig mit dir sein.
Du darfst dir Dinge vornehmen und wieder über Bord werfen.
Du musst nicht Dinge machen, nur um anderen zu gefallen.

Wir leben in einem Land und in einer Zeit, in der alles möglich ist. Eine Zeit, in der uns alle Türen offen stehen. Warum willst du also Dinge machen und dich mit Menschen umgeben, die nicht gut für dich sind?

gute Vorsätze

In der Silvesternacht habe ich in den Himmel gesehen und war zutiefst dankbar in dieser Zeit zu leben. Wir können wir selbst sein. Lieben, wen wir wollen und nicht heiraten, wen wir müssen. Wir brauchen keinen Publizisten, der Texte, Bilder, Kunst, Videos veröffentlicht. Wir machen das einfach selber.

gute Vorsätze
Neuseeland, Oktober 2017

Wir können uns unser Leben so gestalten, wie wir es selber wollen. Es klingt sehr einfach, ja. Aber aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es letzten Endes ein setzen von Prioritäten ist. Und das alles klappen kann, wenn man mutig genug ist auch mal zu fallen.

gute Vorsätze
Frühling in Australien, November 2017

Wir haben mit dem deutschen Pass einen der mächtigsten Pässe der Welt, wir können in jedes Land einreisen und brauchen dafür meistens nicht mal ein Visum.

gute Vorsätze
Blue Mountains, November 2017

Warum also nehmen wir uns jedes Jahr die ewig gleichen guten Vorsätze vor? Wenn sie einem selber entsprechen würden, hätte man den Kreislauf durchbrochen und sie doch schon endlich gelebt! Oder etwas nicht?

Tschüss, gute Vorsätze! Hallo „das entspricht mir wirklich!“

Meine Reisen haben mich so demütig gemacht. Als ich in Neuseeland am Fuße riesiger, uralter Berge stand und darüber nachgedacht habe, was sie wohl alles schon gesehen und wer sie schon alles bewundert hat. Wie lange sie auf dieser Erde sind und wie kurz ich nur da sein werde. Oder als mir eine Israeli in Australien erzählte, wie gerne sie nach Bali fliegen würde und ich sie stirnrunzelnd fragte, warum sie dann nicht einfach in den nächsten Flieger steige. Schließlich sei sie schon auf die andere Seite der Welt geflogen, nicht wahr? “Ich darf mit meinem Pass nicht einreisen.”, sagte sie traurig. Und trotzdem gönnte sie es mir mit einem strahlenden Lachen, dass ich mich in den nächsten Tagen auf den Weg machen würde.

gute Vorsätze
Kein Ölgemälde, Neuseeland! Oktober 2017

Uns steht die Welt offen und wir sind überfordert und wissen nicht wohin mit uns. Wir machen Sachen, weil sie sich gehören und nicht, weil wir sie wollen. Wir versuchen, alte Fußstapfen auszufüllen, anstatt neue zu setzen. Wir vergessen, was wir eigentlich lieben, wir essen, was wir nicht mögen. Wir wären so gerne ______, aber scheitern an der das-ist- ja-alles-nicht-so-einfach-Hürde und versacken wieder im alten Trott.

gute Vorsätze
Finding magic everywhere I go. Neuseeland, September 2017

Unser Problem ist, dass wir oft viel zu verbissen sind. Dabei wird alles so herrlich leicht, wenn wir anfangen, das Leben spielerisch zu sehen. Und nicht alles sofort komplett ändern, sondern Schritt für Schritt.

Fang an zu spielen! Nimm Gedanken auf und lass sie wieder fallen, wie Bauklötze.

gute Vorsätze
Lass die Leichtigkeit in dein Leben mit all ihren Farben. Rom, November 2017
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Hectordelfin in Neuseeland, Oktober 2017
gute Vorsätze
Oh Australia… Twelve Apostels, November 2017

„Hauptsache gesund!“

Letztes Jahr während meiner Reisen ist mir bewusst geworden, wie viel Tiefe in derartigen Redensarten steckt. Ich habe es nicht nur gelesen, sondern gefühlt und mir damit ganz neue Welten eröffnet.

gute Vorsätze

Solange du einen gesunden Geist und einen gesunden Körper hast, kannst du alles sein und alles machen was du willst. Bestimmt nicht sofort und vielleicht auch nicht morgen, aber durchaus in ein paar Wochen oder Monaten. Das scheint ewig weit weg, oder? Vergiss nicht, wie die Zeit fliegt!

Hab keine Angst.

Breite deine Flügel aus. Um dich zu umarmen, dir selbst Mut zuzusprechen. Um Anlauf zu nehmen und in dieses wundervolle Leben zu springen.

gute Vorsätze

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Verfasst von

Australien, Fidschi, Neuseeland, Bali - 2017 war ein absolut verrücktes, emotionales und wunderschönes Jahr. Ich habe gelernt, dass man wirklich alles machen kann was man will, solange man offen dafür ist. Ich habe keine Ahnung, wo mich das Leben noch so hinträgt. Nur eines weiß ich: es wird unglaublich schön. Kommt mit!

12 Kommentare zu „Tschüss, gute Vorsätze!

  1. Toller Post ! Ich hab Kim verfolgt bevor sie erkrankt ist und ihre Geschichte, beziehungsweise sie als Person selbst hat tausend von Menschen unglaublich inspiriert und Kraft geschenkt.
    Ich habe meine Eltern selbst letztes Jahr an Krebs verloren und es tut immer unglaublich weh sowas zu lesen.
    Aber Kims Positivität wird immer in unserem Herzen bleiben.

    ich wünsche dir von Herzen dass das Jahr 2018 dich deinen Träumen und Zielen noch näher bringt!
    Alles Liebe
    Laura

    1. Liebe Laura,
      es tut mir sehr leid, dass du deine Eltern verloren hast. Für mich war Kims Account ja komplett neu und ich denke immer wieder an sie und an ihr Schicksal. Ihre Message war wirklich wunderschön und daran sollten wir uns immer erinnern, wenn wir an Dinge denken, die sich doch eigentlich von selbst lösen bzw. vollkommen unwichtig sind.
      Ich schicke dir die liebsten Grüße und wünsche dir auch ein ganz wundervolles neues Jahr!
      Liebe!

  2. Ach meine liebe Linn. Natürlich bin ich gestern auch über Kims Account und ihr Schicksal „gestolpert“, habe genau das Bild auch gesehen, an dem Du hängenbliebst. Und viele Dinge ähnlich gedacht. Danke für diesen bewegenden Text und wie Du ihn mit Deinem letzten Jahr in einen Zusammenhang gebracht hast. Das mit dem „selber publizieren“ haben bis jetzt leider nur ganz Wenige (in Deutschland) für sich zu nutzen verstanden. Oft wird ohne Sinn und Verstand rausgehauen, was keinen Nutzen bietet. Oder affiliatet und kooperiert, dass die Balken sich biegen. Dabei kann man der Welt doch was geben. Danke, dass Du das immer wieder tust und dass Du mich mit Deinen Texten so berührst.

    1. Meine liebe Svenja, Danke für deine bewegenden Worte. Ich habe den Teil über Kim erst gelöscht und dann gedacht, dass ich das veröffentlichen will, weil mich ihr Schicksal derart tief berührt hat.
      Es war für mich definitiv die richtige Entscheidung, mit meinem Blog in eine andere Richtung zu gehen. Da kommt so viel zurück, es füllt mein Herz auf und das ist langfristig so viel wichtiger, als ein dicker Batzen Kohle für „voll süße Schuhe.“ Du bist mir in dieser Hinsicht ein riesengroßes Vorbild. ❤️

  3. Auch ich startete gestern den Tag ziemlich optimistisch, enthusiastisch und glücklich. Bis ich mein Insta öffnete und von Kim las. Ich kannte sie nicht persönlich, doch mir liefen die Tränen aus dem Gesicht. Dieser ganz besondere Menschen ist in einer ganz besonderen Nacht gegangen. Um uns in unseren Vorsätzen für das kommende Jahr zu stärken. Dafür zu sensibilisieren, dass wir mehr auf uns achten und das Leben schätzen sollen. Danke für deinen Post.

    1. Vielen Dank für deinen Kommentar. Ich war mir erst nicht sicher, ob ich von ihr erzählen soll, aber es hat mich zu tief berührt, um es nicht zu tun. ❤️

  4. Liebe Lynn, Dein Bericht hat mich mal wieder zutiefst berührt! Vielen Dank für die Erinnerung, das wir mehr sind, als nur das, was man im Außen sieht, sondern im Inneren einen Reichtum besitzen, nachdem wir manchmal ein wenig graben müssen. Ich sollte dringend mal wieder meinen Spaten hervorholen… 😉

    1. Liebe Steffi, danke für deine lieben Worte! Es freut mich sehr, dass ich dich ein wenig inspirieren konnte. Es muss ja auch nicht immer gleich der große Spaten sein, manchmal reichen ja auch die kleinen Dinge aus, wie zum Beispiel in ein Café zu gehen, das man schon immer besuchen wollte, oder sich endlich mal eine Massage zu gönnen. Ganz egal was es ist: ich hoffe, du tust es mit Freude. <3

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