„Bist du wirklich glücklich?“

„Und? Wie ist es zuhause?“ fragen mich Menschen mit verschwörerischem Blick, immer ein bisschen im Flüsterton. Es muss ja schlimm sein, nach all der Schönheit Australiens hier im januargrauen Hamburg. Warum eigentlich?

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Ich habe alles hinter mir gelassen, bin auf die andere Seite der Welt gereist, habe mich verloren und gefunden. Ich habe geweint vor Verzweiflung und Glück, habe barfuß im nassen Gras sternenklare Himmel bestaunt, bin so oft es ging den Milky Way entlang gewandert.

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Der australische Himmel

Ich bin im Südpazifik mit Haien geschwommen, habe auf dem Rücken treibend im smaragdgrünen See auf Fraser Island vorbeifliegenden Wolken nachgesehen.

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Einer der Momente, wo ich nicht glauben konnte, was ich sehe. Fraser Island

Bin im eiskaltem Lake Pukaki fast erfroren, habe Gedanken und Erinnerungen aufleben und aus dem Fenster fliegen lassen, als ich auf den Straßen Neuseelands nicht glauben konnte, was ich sehe.

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Der unglaubliche schöne Lake Pukaki in Neuseeland

Ich habe mich verloren und gefunden.

„Und? Wie ist es zuhause?“ fragen mich Menschen mit verschwörerischem Blick, immer ein bisschen im Flüsterton. Es muss ja schlimm sein, nach all der Schönheit hier im januargrauen Hamburg. Warum eigentlich?

Inzwischen bin ich fast 2 Monate wieder zurück, sämtliche Bikiniabdrücke sind nahezu verschwunden, die Haare sind wieder so lang, dass ich einen Zopf machen kann. Der Januar ist fast 14 Tage alt, die meist gestellte Frage nach “Und? Wie ist es zuhause?” Ist “Und? Was machst du jetzt?”. Immer ein bisschen besorgt, so, als ob ich jetzt komplett orientierungslos im Kreis laufen würde. Australien vermissend, klar. Im Backofen röstet frisches Wintergemüse vor sich hin, eine große Schale selbst gemachter Humus wartet auf ihren Einsatz.

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Einer der letzten Stopps meiner Reise, die Blue Mountains

Die Antwort auf Frage 1 ist ganz klar: Es ist schöner als jemals zuvor. Ich bin von ganzem Herzen glücklich. Wenn ich das sage, kommt oft ein erstauntes „Ja? Wirklich?“. Dass ich glücklich bin, wieder in Hamburg zu sein, können Viele kaum glauben. Das fällt mir wiederum schwer zu verstehen. Ich frage mich, ob besagte Menschen ihr Zuhause einfach so ätzend finden, Angst vor Veränderung haben und der Meinung sind, eh nichts mehr ändern zu können und (un)bequem im selbstgebauten Gefängnis verweilen oder schlichtweg vergessen haben, ihr Zuhause wertzuschätzen. (Die Antwort auf Frage 2 kommt in den nächsten Tagen 😉 )

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Ich bin weggefahren, weil mich mein Leben hier nicht genug gefordert hat. Ich war am oberen Ende meiner Komfortzone angekommen. Und das lag nicht an meinen Freunden oder der Arbeit, es lebte eine pulsierende Neugierde in mir, die niemand außer der Ferne stillen konnte. Ich habe die Herausforderung gesucht und das Abenteuer gefunden.

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Fidschi

Nach einem Jahr auf Weltreise bin ich wieder zuhause und zufriedener als ich es jemals war. Ich habe sehr viel Geld ausgegeben, aber bin reicher denn je. Weil ich begriffen habe, dass wahrer  Reichtum nichts mit einem Bankkonto zu tun hat. Mein Herz quillt vor Lebensliebe und Inspiration über und es ist wunderbar, all diese Freude auch mal sacken lassen zu können.

Was macht dich glücklich?

Alltägliches zu machen, wie Berti knuddeln, meine Freunde zu treffen. Auf ein Abendessen, ein Glas Wein aus dem 2 Flaschen werden, auf einen Spaziergang. Meine Mutter auf der Straße zu sehen und “Mama” zu rufen. Ein Jahr lang konnte ich das nicht.

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Oh Melbourne… (Der gelbe Ball ist übrigens der Mond…!!!)

Vollkommen alltägliche Situationen machen mich neuerdings irre glücklich. Natürlich hatte ich Kontakt zu meinen Freunden, natürlich waren sie irgendwie dabei, aber hier zu sein, bei ihnen zu sein, ist etwas komplett anderes und unglaublich schön.

Wertschätzung hat eine vollkommen neue Dimension angenommen.

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Ständig unterwegs, immer mit Kamera. Hamburg, Januar 2018

Was mich noch glücklich macht? Ganz klar wieder zu kochen! Wieder eine eigene Küche zu haben, in der nicht ständig immer wieder andere aufgedrehte Reisende kochen, die einen fragen, woher man kommt, wohin man geht und wie lange bleiben möchte. Keine stumpfen Messer, mit denen man Gemüse auf schiefen Brettern schnippeln und in Pfannen mit abgeblätterter Beschichtung kochen muss. Oder auf dem Campingkocher am Kofferraum meines Campervans, während ein neuseeländischer Frühlingssturm tobt, das Propangas ständig ausgeweht wird und der Regen von allen Seiten kommt und die ganzen Klamotten durchnässt. Es sind diese Kleinigkeiten, die mich gerade innerlich strahlen lassen.

Selber kochen macht glücklich

Während meiner Reise habe ich mich so darauf gefreut, endlich die schnellen und gesunden Rezepte von Miri von Kochkarussell zu kochen. Ich habe 2014 auch als Foodbloggerin angefangen und Miri damals bei einem Bloggerevent kennen gelernt. Wir haben uns sofort gut verstanden und sind immer noch in Kontakt. Das nur mal am Rande. Jetzt koche ich mich ein Mal durch das großartige Kochkarussell-Archiv (wenn ich nicht gerade ein Gericht 3 Mal hintereinander koche, weil es so lecker ist) und freue mich über jedes selbstgekochte Essen, was auf meinem Teller landet. Glück geht eben auch durch den Magen, nicht wahr? Übrigens macht Miri gerade eine wunderbare “fast und fresh”-Challenge für den Januar. Sie ist so ein wunderbares Nordlicht und ihre Rezepte gehen wirklich schnell, versprochen. Ich finde es ja immer mega-nervig, wenn im Rezept steht, dass das Essen 20 Minuten dauert, man nach einer Stunde aber gerade mal alles klein geschnitten hat. Das passiert euch bei Miri nicht! Klickt mal rüber zu ihr, sie hat sich gerade mit ihrem Kochkarussell komplett selbstständig gemacht (You go girl!!!) und freut sich sicherlich über jeden neuen Follower!

Soziale Netzwerke machen mich glücklich

Miri ist so ein gutes Beispiel dafür, wie sozial die oftmals so asozialen Netzwerke sein können. Auch Svenja von meine Svenja oder Elisa von Press Liz habe ich bisher noch nicht persönlich getroffen und wir stehen in einem so inspirierenden und wundervollen Austausch, es ist ganz bezaubernd.

Mutig sein macht glücklich

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Ukulele zu lernen gehört zu den “das wollte ich schon immer mal, mache ich aber erst eines Tages”-Dingen. Seit Jahren schiebe ich das Ukulele lernen auf, dabei liebe ich den glücklichen Hawaii-Sound, der mich immer an Fidschi erinnert. Als ich meiner Schwester von den Ukulele-Spielern auf Fidschi erzählt, ihr von der Musik vorgeschwärmt und erwähnt habe, dass ich auch „mal“ Ukulele lernen will, brachte sie das auf die Idee, mir zu Weihnachten eine zu schenken. Als meine zuckersüße kleine Nichte Heiligabend mit einem riesigen Geschenk vor mir stand (“Hier Tante Linni, das ist für dich!” Wieder so ein Glücksmoment btw!) hatte ich (vollkommen überrascht) keine Ahnung, was da wohl drin sein würde. Könnt ihr euch vorstellen, wie aufgeregt ich war, als ich die Ukulele auf dem Pappkarton gesehen habe? Ich habe noch nie ein Instrument gespielt, meine Finger der linken Hand sind nach einem Unfall etwas lädiert und nicht ganz so beweglich und ich war dementsprechend nervös. Ich war wirklich komplett aufgeregt und hätte am liebsten gesagt „Oh, das probiere ich morgen.“ (wenn keiner zuhört, versteht sich) Das Gute, wenn man die ganze Zeit darüber schreibt, über seinen Schatten zu springen: ich werde immer wieder aufs Neue motiviert es selber zu tun. Also habe ich alle “was ist, wenn ich das nicht kann? Ich kann das bestimm nicht!”-Gedanken ignoriert und meinen sehr musikalischen Schwager gebeten, mir zu helfen. Während der Rest der Familie Geschenke ausgepackt hat, hat er mir sehr geduldig Akkorde beigebracht und die Ukulele für mich gestimmt.

Ganz ehrlich, das war so ein glücklicher Abend. Der schönste Heiligabend den ich je erlebt habe.

Könnt ihr jetzt verstehen, warum ich es so komisch finde, wenn Leute nicht glauben können, dass es das pure Glück ist, wieder Zuhause zu sein?

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Magical Sunrise. Lake Wanaka, Neuseeland

Und während ich hier so vor mich hinschreibe (inzwischen habe ich Ofengemüse, Humus und Salat aufgegessen, was für ein kulinarisches Fest!), fallen mir noch viel mehr Dinge ein, die mich glücklich machen. Zum Beispiel, dass der Himmel derzeit oft so pink ist wie in Neuseeland oder dass ich endlich Zeit habe, alle Bilder von den Reisen zu bearbeiten, so oft wie ich will an den Hafen zu  fahren und zu fotografieren, dass ich überall so herzlich empfangen und begrüßt werde (sogar von meiner wunderbaren Versicherungsmaklerin mit Käsekuchen nach Omas Rezept!!!), dass ich wieder angefangen habe, regelmäßig zu meditieren und gesund zu essen (bis auf den Käsekuchen), dass ich gestern beim Spinning war und heute Abend noch Yoga mache, dass es süchtig macht, darüber zu schreiben, was glücklich macht. Probiert es mal aus. Ich wette, am Anfang fällt es etwas schwer und dann könnt auch ihr nicht mehr aufhören… #MEHRLIEBE! <3 Magical Marktstraße. St. Pauli, Dezember 2017


Magical Marktstraße. St. Pauli, Dezember 2017

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5 Replies to “„Bist du wirklich glücklich?“”

  1. Suuper schön & inspirierend!

    Auch wenn ich noch keine Weltreise gemacht habe, sondern nur „kleinere“ Trips von 10-15 Tagen kann ich dem Punkt zustimmen: trotz der Tatsache, dass die Kohle leer ist ist man so viel reicher.
    Ich nehme aus jedem Urlaub unglaublich viel mit, aber besonders den Fakt, dass ich Zuhause am glücklichsten bin. In meiner schönen, gemütlichen 2 Zimmer Bude. Mit meiner Familie und meinen Freunden.

    Dass Menschen sich das nicht vorstellen können macht mich traurig, aber es gibt ja so Exemplare, die sich selber nicht aushalten und auch nie lange für sich Zuhause sein können.

    Liebe Grüße,
    Nicci

  2. Liebe Linn,

    was für ein herrlich inspirierender Beitrag am Morgen – vielen Dank dafür!

    Wenn man Deine Posts und Deine Fotos betrachtet, sieht man, wie sehr Du Dich im Laufe der Zeit verändert hast. Ich finde Dich wunderschön – innen und außen!

    Ich liebe Berichte über das Reisen und darüber, wie man es trotz widriger Umstände doch schaffen kann. Mit großer Freude habe ich auch das Buch von Meike Winnemuth gelesen; mittlerweile schon dreimal.

    Ich träume schon mein halbes Leben davon, mich auf die Reise (auch zu mir selbst) zu begeben. Ich möchte so gerne die Welt sehen und herauskriegen, wie ich mich in ihr zurechtfinde. Aber meine Umstände lassen mich leider (noch) nicht reisen. Ich bin alleinerziehende Mutter von drei Kindern und das mittlerweile schon seit vielen Jahren. Als die Kinder klein waren, war es mein großer Traum, mit ihnen die Welt zu bereisen und ihnen die Schönheit der Welt zu zeigen. Aber da mein Ex-Mann keinen Unterhalt zahlte, war und ist es bei uns finanziell sehr sehr knapp.
    Vor ein paar Jahren bekam ich Brustkrebs und konnte seitdem nicht wieder arbeiten, so dass wir zu viert von einer kleinen Mindestversorgung leben und von Reisen leider nur noch träumen können.
    Die Jungs sind mittlerweile 14 und 2 x 16 Jahre alt und haben noch gar nichts von der Welt gesehen. Manchmal macht es mich sehr traurig, weil ich ihnen doch so gern etwas von der Welt zeigen wollte.

    Ich hoffe, dass ich noch lange genug auf dieser Welt sein darf, um vielleicht auf Reisen gehen zu können, wenn die Kinder ausziehen und ihr eigenes Leben leben. Ich verspüre so einen großen und tiefen Drang, etwas von der Welt zu sehen, bevor ich sterbe.

    Deshalb genieße ich es auch so sehr, Deine Berichte und Fotos zu sehen und gedanklich mit Dir auf Reisen zu gehen.

    Vielen Dank für Deine Inspiration und Dein inneres und äußeres Strahlen. Das tut mir sehr gut!

    Sanne

    1. Liebe Sanne,
      vielen Dank für deine sehr bewegenden Worte. Es bedeutet mir so viel, derartige Emotionen auszulösen und dir, obwohl wir uns gar nicht kennen, Kraft zu schenken. Das Leben geht manchmal derart seltsame Wege, dass es schwer fällt, sie zu verstehen, während man sie geht.
      Rückblickend erschließt sich mir allerdings vieles. Vielleicht geht dir das auch so?
      Du kannst deinen Kindern momentan zwar nicht ermöglichen, die Welt zu sehen, aber du kannst ihnen ein reiches Herz schenken. Starke Wurzeln und ganz viel Vertrauen in sich und dich und dieses wunderschöne und manchmal extrem dramatische Leben geben. Das Wichtigste für Kinder ist nicht die Welt, es ist doch die Mama (die wiederum die ganze Welt für sie ist).
      Und um dich zu trösten:
      Ich bin als Kind auch nicht oft weg gefahren. Die Welt habe ich erst mit 29 Jahren angefangen für mich zu entdecken.
      Alles hat seine Zeit, da bin ich mir ganz sicher. Und ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass deine schönsten Träume wahr werden.
      Alles Liebe
      Linn

  3. Wow das hast du so toll in Worte gefasst! ❤️❤️ Und du hast so recht, Reisen macht uns zum reichsten Menschen der Welt! Und ich liebe Hamburg, das ist meine absolute Lieblingsstadt!

    Alles Liebe
    Laura

    1. Liebe Laura, wie sehr ich mich über deine Worte freue!!! Es ist so schön, Freude zu verbreiten und noch schöner, so viel Liebe zurück zu bekommen! Hab einen ganz tollen Start ins Wochenende. ❤️⚓️

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